Die Wüste für uns allein

Abwechslung und Ort zum Feiern gesucht

Einige Zeit nach unserem letzten Ausflug gab es einige Gründe, um mal wieder auf Tour zu gehen. Zum Einen hatten wir ein Verlangen nach Abwechslung, zum anderen wollten wir zu meinem Geburtstag einen schönen Ort zum Anstossen finden. Ausserdem entwickelten sich die Temperaturen nachts in Richtung Gefrierpunkt. Dies deutete sich schon ab spätem Nachmittag an und wirkte sich bis ca. 10.00 Uhr am Vormittag unangenehm aus. Da die Erongo-Region wärmere Temperaturen versprach und auch für die anderen Aspekte gut war, buchten wir eine Lodge in den Erongo Mountains und ein Gästehaus am Strand von Swakopmund. Auf diesen Ausflug freuten wir uns sehr, haben aber die Rechnung nicht mit dem Wirt gemacht. Dieser heisst Hage Geingob und hat in seiner Funktion als namibischer Präsident zwei Stunden nach unserer Buchung und Bezahlung der Region den zweiten Lockdown verpasst. Ab Mitternacht wurde die Region geschlossen. Und das bei bis dahin 20 Corona-Fällen (null Toten). Da die Regierung es auch für möglich hielt, weitere Landesteile unter Lockdown zu stellen und sie richtig gut darin sind, so etwas ohne erdrückende Gründe und mit beneidenswerter Spontanität zu machen, blieben wir vorsichtshalber erstmal zu Hause und klopften uns weiterhin morgens die Eiszapfen von der Nase. 

Ab in die Dünen

Als nach wenigen Tagen die Regierung keinen Laut gab und wieder in die gewohnte Kommunikationsarmut zurückfiel, wagten wir uns zu meinem Geburtstag doch noch aus dem Häuschen. Unsere Ziele waren die Sossusvlei Dünen und der Sesriem Canyon. Auf dem Weg lag die Barkhan Lodge, wo wir zwei Nächte als einzige Gäste von Gerda und Nikki hervorragend bewirtet wurden. Wir erhielten einen tollen Bungalow, der sehr schön in die wüstenartige Landschaft eingebettet war und einen weiten Blick in ein Wüstental ermöglichte. Uns wurde berichtet, dass der weite Blick nicht nur schön, sondern auch praktisch sei. Man könne, ohne selbst gesehen zu werden, schon auf grosse Distanz nächtliche Fahrzeugbewegungen erkennen und bei ungewöhnlichen Bewegungsmustern die Nachbarn aus den umliegenden Farmen/Lodgen aktivieren, um zusammen auf Jagd nach vermeintlichen Wilderern zu gehen. Wer sich jetzt in seinem inneren Auge hungrige Schwarze vorstellt hat weit gefehlt. Meistens seien die Wilderer in dieser Gegend Weisse, die auf ein nettes Taschengeld durch den Verkauf eines Zebras, Oryx oder Kudus aus seien. Manchmal haben sie aber auch schon verirrte Campingurlauber „erwischt“. Diese haben dann in dieser Nacht nicht mehr so gut geschlafen. Die Wilderer im übrigen auch nicht, hatten aber ein Dach über dem Kopf und Gitter vor den Fenstern. 

E-Fat-Bikes made in Namibia

Wir durften am Tag E-Fat-Bikes ausleihen und mit ihnen durch die Landschaft cruisen. Nachdem wir uns an die Bikes und das Fahren im Tiefsand gewöhnt hatten, hat die Tour viel Spass gemacht. Es ist schon etwas anderes, ob man eine wunderschöne Oryx-Antilope durch seine verschmutzten Autofenster oder nur durch die verschmutzten Brillengläser sieht. Auch wenn ich mich wiederhole, es war wunderbar, diese Landschaft ohne andere Touristen zu erleben. Wir hätten stundenlang auf der Landstrasse fahren können, ohne einmal den Staub eines Fahrzeugs schlucken zu müssen. Kein Lärm und kein Staub, nur friedliche Wüste. Wenn nur die Batterie länger mitgemacht hätte.

Erdmännchen knuddeln

Auf der Lodge wohnt seit elf Jahren die ungekrönte Königin des Anwesens:  Courie. Uns wurde erzählt, sie sei die Schwester des weltberühmten Erdmännchens aus dem Buch „Hummeldumm“, deren unglückliches Dahinscheiden im Buch beschrieben wurde. Courie hatte etwas mehr Glück, denn sie hat eine gefährliche Hundeattacke im Alter von einem Jahr überlebt, aber erhebliche Behinderungen beibehalten. Für das Fangen von Skorpionen reicht es aber immer noch. Dennoch war sie zutraulich, herzergreifend und eben süss, wie ihre wilden Artgenossen aus der Kalahari. Sie wohnt tagsüber im Haus oder sonnt sich auf der Terrasse. Nachts gefällt es ihr besser unterirdisch, so dass sie sich in ihren Bau verzieht. Die Begegnung mit Courie und ihren beiden Lodgemanagern Gerda und Nikki hat viel Spass gemacht und fühlte sich wie oft in Namibia an, als hätte man neue Freunde gewonnen. 

Mad Max-Feeling in Solitaire

Auf dem weiteren Weg zu den Dünen passierten wir Solitär, eine kleine Versorgungsstation mitten im Nichts. Man kann hier übernachten, tanken, einkaufen und sich in der Bäckerei mit dem weltberühmten Apfelstrudel verwöhnen lassen. Dieser hat es in sich und böse Zungen behaupten, dass er mit Schuld an dem viel zu frühen Ableben des berühmten  Bäckermeisters Moose Mc Gregor war, der bis dahin ein wandelndes Zeugnis seiner gutschmeckenden Backwaren war. Diesmal war der gesamte Ort erschreckend tot und wir hätten uns gar nicht gewundert, wenn Mel Gibson oder Charlize Theron auf ihren Mad Max-Fahrzeugen vorbei gefahren wären. Leider gab es auch keinen Apfelstrudel.

Honeymoon-Suite ohne Honeymoon

Die  gleiche apokalyptische Atmosphäre setzte sich auf dem Sesriem-Campingplatz kurz vor unserer gebuchten Sossus Dune Lodge fort. Menschenleere, Sandverwehungen und die ungenutzten Gebäude gaben diesem kurzen Besuch etwas sehr Bizarres und wir waren froh, in der Lodge hinter dem Berg zu wohnen. Auch dort war es recht leer und wir vier Gäste, neben uns waren noch Marietjie und Jack aus Windhoek zu Gast, waren gegenüber dem Personal deutlich in der Unterzahl. Diese Überlegenheit an Ressourcen schlug sich leider nicht in der Qualität des Abendessens nieder. Dafür war die Unterkunft sehr schön und wir erhielten die Honeymoon-Suite am Ende der perlenkettenmässig aufgereihten Bungalows. Toll war, dass das Gebäude auch recht stabil war, denn es hatte sich gegen den nächtlichen Sturm erfolgreich behaupten können, ohne über unserem Kopf zusammenzubrechen. Das schien uns aber nicht immer sicher zu sein und so verbrachten wir eine etwas ungemütliche Nacht. Vielleicht auch nur ich, denn Simone hat die bewundernswerte Fähigkeit sich bei ihren lustigen Träumen nicht von Äusserlichkeiten beeindrucken zu lassen.

Herzliche Namibier

Beeindruckt hat uns allerdings die Begegnung mit den beide anderen Gästen, Marietjie und Jack. Diese sassen vor uns im Restaurant und als wir dieses betraten, erhob sich Jack von seinem Stuhl und kam auf uns zu, um uns herzlich zu begrüssen. Nach einem kurzen Austausch luden sie uns zu sich nach Hause zum Braai ein. Wir waren verwundert über dieses Ausmass an Freundlichkeit, das ja für uns Deutsche/Schweizer etwas ungewöhnlich ist. Auch wussten wir nicht, ob wir das ernst nehmen sollen bis Jack einige Minuten später an unserem Tisch erschien, um seine Telefonnummer zu hinterlassen und uns das Versprechen abzunehmen, dass wir uns bei ihnen melden werden. Wenn wir nicht anrufen, „drohte“ er, werde er uns finden. Nachdem ich noch kurz einwandte, dass ich aber bei ihnen nichts trinken könne, weil zwischen ihrem und unseren Zuhause ein Polizei-Checkpoint liege (die Promillegrenze beträgt 0,5 aber man kann schon für weniger eine Nacht ins Gefängnis wandern), erweiterten sie ihre Einladung um eine Übernachtung. Wie wir es schon ahnten, wurde uns kurz darauf von anderen Namibiern bestätigt, dass man solche Einladungen durchaus ernst zu nehmen habe. Übernachtungseinladungen seien auf Grund der grossen Distanzen und der Begeisterung für alkoholische Getränke auch nicht unüblich. Die Fortsetzung dieser Geschichte wird an anderer Stelle erzählt.

Sossusvlei wir kommen

Am nächsten Morgen fuhren wir kurz auf den Sesriem-Campingplatz, um dort unser Camper-Frühstück zuzubereiten. Das schien uns deutlich verlockender, als auf der Lodge im düsteren Speisesaal Waldschmidt-Eier serviert zu bekommen. Waldschmidt-Massentierhaltungs-Eier waren bis vor Kurzem die einzigen Eier, die landesweit zu bekommen waren. Inzwischen sind auch Eier von Hühnern mit freiem Auslauf und artgemässer Ernährung erhältlich. Nach diesem sehr leckeren Frühstück ging es auf die 60 km lange Zufahrt zu den grössten Dünen der Welt. Und diesmal mussten wir sie mit niemandem teilen. Der Wind machte das Kraxeln in der Düne 45 etwas beschwerlich, so dass als Folge davon diese Art der Erkundung etwas zurückstehen musste. Nachdem wir diese „Pflicht“ schon in den vergangenen Jahren absolviert haben, widmeten wir uns heute der „Kür“, dem anstrengungsfreien Bestaunen dieser phänomenalen Präsentation der Natur. Das letzte Stück der Strecke verlief im Tiefsand, der heute sowohl leichter wie auch schwerer zu befahren war als normalerweise. Leichter, weil der Sand durch weniger Fahrzeuge viel fester war und schwerer, weil streckenweise keine Spuren vorhanden waren, an denen wir uns orientieren konnten. Wir waren hier nicht gewöhnt, uns an der Landschaft zu orientieren, weil immer Spuren anderer Fahrzeuge den Weg wiesen. Da diese nun fehlten, irrten wir ein bisschen herum, bevor wir zum Ziel kamen. Aber da das Fahren im Tiefsand soviel Spass macht, war das nicht wirklich schlimm (für Interessierte: 1,2 Bar auf allen Reifen).

Magischer Platz

Simone packte die Kamera aus, ich den Liegestuhl. Herrlich! Die Landschaft lag da in ihrer jahrtausendealten Schönheit und gab sich keine Mühe, uns darüber hinwegzutäuschen, dass wir hier Fremde sind, die es ohne technische Hilfe nicht länger als einige Stunden aushalten könnten. Trockenheit, Hitze und Wind machen diese Gegend nicht gerade zu einem wohligen Ort zum Wohnen. Aber das wollten wir ja auch nicht. Wir genossen den Anblick, die Ruhe und die Einsamkeit, bevor wir uns wieder auf den Rückweg zur Lodge machten. Am nächsten Tag ging es über einen Abstecher zum nahegelegenen Sesriem Canyon zurück nach Windhoek. Wir wühlten über mehrere hundert Kilometer viel Sand auf, bis wir die letzten 70 km um vieles rüttelärmer auf Asphalt zurücklegen konnten. In unserem Haus angekommen blieben uns jetzt noch einige wenige Minuten bis mit der untergehenden Sonne der Winter zurückkam. 

5 thoughts on “Die Wüste für uns allein

  1. Danke für die Infos – die ich schon längst gelesen hatte, aber eben ohne die wichtigen Infos, die scheinbar nur dem Einleitungstext des Mails zu entnehmen waren? Freuen uns auf euch 😉

  2. Hoi ihr zwei,

    Endlich habe ich etwas Zeit, Eure tollen Geschichten zu lesen und die super Fotos anzuschauen. Simone, Du konntest sogar ein Erdmännchen streicheln, so süss.
    In der hektischen Zeit hier muss ich sagen beneide ich Euch schon etwas. Ihr habt Zeit für Euch und das Abenteuer. Toll teilt Ihr dies mit uns.

    Machets guet, hebed Sorg, Leslie

  3. Liebe Simone, lieber Tom
    eure Berichte und die Fotos sind einfach immer wieder super.
    Wir freuen uns jedesmal wenn ein Mail von euch kommt 🙂
    Danke, dass wir das ganze etwas mit euch erleben dürfen.
    Wir hoffen, irgendwann auch mal wieder in diese Länder zu reisen.
    Geniesst es weiter und bleibt gesund.
    Liebe Grüsse Christine und Dani

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