Unser neues Zuhause in Europa

Ende März kamen wir aus Namibia zurück. Wir flogen von Windhoek nach Frankfurt und fuhren von dort zur Firma Bumo. Auf Grund der covid-bedingten Massnahmen war es eine Herausforderung mit einem geringen Testaufwand und immer mit genug Infos der jeweils geltenden Regeln von Land zu (Bundes-)Land zu kommen. In der Praxis war es aber wie vor einem halben Jahr und auch wie jetzt: alles easy und kaum Kontrollen. Die Abholung des Fahrzeugs verlief sehr gut und wir waren hell begeistert über das gelungene Bauwerk. In der Kürze der Zeit gab es vieles zu lernen und aufzunehmen. Das Fahrzeug ist nicht nur sehr komplex bezüglich der Technik und somit Bedienbarkeit; es gab auch viel zu beachten bei der Ausfuhr aus Deutschland und der Einfuhr in die Schweiz. Obwohl wir nicht schlecht vorbereitet waren, kamen wir uns doch wie Diletanten vor, als wir vor den Zollbeamten standen, die uns erklärten, dass wir noch Formular „X“ und Voraussetzungen „Y“ benötigten. Und das alles eine Stunde vor Büroschluss. Denoch klappte alles, wenn auch anders als gedacht. Und viel zu spät merkten wir, dass auch die obligatorische Schwerlastabgabe für Mobile über 3,5 t schon an der Grenze hätte bezahlt werden müssen. Wir hatten aber schon lange aufgehört, die Ordnungswidrigkeiten zu zählen, für die wir in den vergangenen Tagen hätten Bussgelder zahlen müssen. Immerhin gaben wir unser Bestes. Das mit der Schwerlastabgabe haben wir dann prompt nachgeholt und fuhren seitdem rechtmässig auf Schweizer Strassen. Bis zur Ausstattung des Fahrzeugs mit entsprechenden Nummernschildern dauerte es aber noch gute drei Wochen. Der Camper wurde Mitte April in der Schweiz zugelassen. Bei der Fahrzeugabnahme gab es zwischen unserem Mobil und einem Mercedes Flügeltürer ein kleines Rennen in Bezug auf Beachtung durch das Personal des Verkehrsamtes, bei dem unser Wagen eindeutig als Sieger hervorgegangen ist. Wir waren sooo stolz. Aber nicht nur optisch ist das Fahrzeug recht interessant geworden, es ist auch genauso gemütlich, wie wir es uns vorgestellt haben und wir fühlen uns rundherum wohl. Allerdings musste ich mich erstmal an die Dimension gewöhnen. Es dauerte einige Wochen bis ich mir nicht mehr jeden Tag den Kopf an irgendwelchen Ecken und Kanten gestossen habe. Nachdem wir uns wohnlich eingerichtet und an die 8 m2 Aktionsradius gewöhnt hatten, ging es auf Probefahrt durch die Schweiz. Zuvor hatten wir noch die Durchschlagskraft des Fahrzeugs getestet. Das als Gegner ausgesuchte Haus hat den Test gewonnen. Viele Leute haben uns damit getröstet, dass die ersten Kratzer die Schlimmsten sind. Vielleicht ist es damit zu erklären, dass die kürzliche Fahrt durch eine Horde von Olivenbäumen in Italien, die sich nicht an die Verkehrszeichen gehalten haben, nicht ganz so schmerzhaft war, wie mit einem neuen glänzenden Fahrzeug. Na ja…

Reiseplanung mit knapper Auswahl

Campen in Europa war zu dem Zeitpunkt eine ganz neue Erfahrung und nicht ganz ohne Enttäuschung zu machen. Der erste angefahrene Stellplatz in der Schweiz hörte sich vielversprechend an. Mitten in der Natur, ein schöner Bauernhof, abseits jeder Städte. Was nützt es, wenn man morgens aus jedem Fenster ausschliesslich weisse Wohnmobile mit 2 m Abstand zu sehen bekommt? Diese Erfahrungen haben uns dann schnell aus dem Land getrieben. Vorher musste aber die Entscheidung getroffen werden, wohin es gehen soll. Die Ende April noch bestandenen Corona-Massnahmen der europäischen Länder schränkten unsere Möglichkeiten auf eine schmale Auswahl ein: Spanien, Kroatien und Schweden standen auf unserer Liste. Da wir uns noch recht gut an die Sonne Afrikas erinnern konnten und ja wussten, dass wir ab Herbst wieder Sonne unlimited haben werden, waren wir bei der Perspektive auf einen kühlen Sommer noch nicht so abgeschreckt, dass Schweden gleich aus dem Spiel war. Da wir uns aber auch noch gut daran erinnern konnten, wie schön es war, in unverhüllte Gesichter und unverängstigte Augen zu schauen und Schweden neben wunderschöner und grossflächiger Natur auch mit freien Menschen und wenigen bis keinen Einschränkungen werben konnte, war unsere Entscheidung besiegelt.

Auch im Norden mit kurzen Hosen

Wir verliessen die Schweiz Anfang Mai, verbrachten noch etwas Zeit in Norddeutschland, wohin wir mit ein paar (legalen) Tricks ohne Quarantäne und anderen Aufwendungen gelangten. In Deutschland konnten wir erste Erfahrungen im Freistehen machen. Wir hatten auch nicht wirklich eine Wahl, weil das Beherbergungsverbot auch noch für Camping- und Stellplätze galt. Das wilde Campen gefiel uns super und wir freuten uns dann auch auf mehr davon in Schweden. Das gab’s dann auch und wider erwarten meistens auch ohne schlechtes Wetter – im Gegenteil, mit sehr gutem Wetter über Wochen. Wir campten in der Regel irgendwie und irgendwo, meistens frei, manchmal auf Parkplätzen in der Natur, manchmal auf Stellplätzen kleiner Jachthäfen. Diese waren nicht nur preisgünstig, sie hatten auch einen guten Service und meistens einen tollen Ausblick auf den jeweils anliegenden See.

Die „unnahbaren“ Schweden

In Stockholm wohnten wir citynah vor der finnischen Botschaft, so dass nicht nur unsere Kameras, sondern auch die der Botschaft unseren Camper bewachten. Gelegentlich haben wir völlig untypische Erlebnisse mit Schweden gehabt, denen man nachsagt, dass sie sehnlichst auf das Ende der Empfehlung für 1,5 m Abstand zu anderen Menschen warten, damit sie wieder auf ihre gewohnten 5 m zurückgehen können. Trotzdem wagten sich einige in unsere Nähe, z.B. ein junges Paar, das mitten im stömenden Regen, was ja auch schon ungewöhnlich genug war, vor unserem Fahrzeug auf uns wartete, während wir tropfnass mit unseren Bromptons angeradelt kamen. Sie waren derart beeindruckt vom Bumo-Camper, dass sie uns unbedingt treffen wollten. Da der Regen so ein garstiger Begleiter für Gespräche unter Fremden ist, haben die beiden uns auf ein Glas Wein zu sich nach Hause eingeladen. Wir verlebten einen schönen Abend mit ihnen. Sie reisen ebenfalls sehr gerne und haben eine Menge Erfahrung im schwedischen Busch. Als schwedische Offiziere mussten sie sich und ihre Leute oft genug durch den selben scheuchen. Die Begegnung mit anderen Schweden war etwas oberflächlicher aber immer nett. Zum Glück stellen die Schweden auch ihre Grosszügigkeit gegenüber anderen naturliebenden Menschen nicht sehr in Frage. Dadurch blieben sie auch beim flutartigen Einfall deutscher Kleintransporter und Minibusse mit eingebauten Wohnfunktionen meistens tolerant und wohlwollend. Diese Invasion betraf uns erst mit Beginn des Sommers und trübte unser Bedürfnis nach Wildnis und Einsamkeit erst als die Schweden ihre Sommerferien im August schon beendet hatten. Die touristenarme Zeit und das herrliche Wetter endeten für uns Anfang Juli mit Öffnung der Grenzen von Norwegen, so dass wir unsere Hoffnung auf Bären- und Wolfssichtungen zurückstellen mussten. Es sei aber schon hier verraten, dass diese Hoffnung auch später enttäuscht wurde. Elche gab es aber auch in Norwegen zu sehen und Rentiere gab es später im schwedischen Lappland wieder unzählig. Dieses Später begann dann Ende Juli, als wir von unserem Ausflug nach Norwegen in das polare Schweden zurückkehrten. Kurz vor der Grenze zu Norwegen lernten wir die erfahrenen Nordlandreisenden Astrid und Michael, ein echtes Kölner Pärchen, kennen. Sie wurden vorübergehend zu unseren Tourguides in Norwegen. Über diese Zeit berichten wir im nächsten Blog.

Das „langweilige“ Schweden

Viele Reisende (unter anderem auch ich) berichteten, dass Schweden so langweilig sei. Man fährt nur durch Wälder und an Seen vorbei. Fast jeden Tag fragte mich Simone, wo denn nun das langweilige Schweden anfängt. Ehrlich gesagt, wir haben es nicht gefunden. Viele Urlauber, die mit 2-4 Wochen Ferien etwas eiliger und mit einem weit höheren Tageskilometer-Schnitt als wir durchs Land düsen, mögen schon mal den Eindruck bekommen, dass es dort etwas gleichförmig und zuweilen langweilig zugeht. Mit unseren durchschnittlichen 75 km/Tag haben wir das Land aber in einer Intensität erleben können, die jeden Eindruck von Langeweile nicht einmal im Ansatz aufkommen liess. Wir fanden es wild, wunderschön, lieblich, grün, wasserreich und freuten uns jeden Tag über die tollen und wilden Plätze, auf denen wir übernachten konnten. Wir waren beeindruckt von der entspannten Mentalität der Schweden, die es wirklich drauf haben, aus ihrem kurzen Sommer ein Fest zu machen. Dazu nutzen sie ihre Boote, Wohnmobile (Schweden hat nach Norwegen die zweitstärkste Wohnmobildichte) und Ferienhäuser, wie auch ihre amerikanischen Strassenkreuzer, die in Massen und in jeder Art von Pflege- und Restaurationszustand zu bestaunen waren.

Städte voller Lebensfreude

Die Ortschaften in Schweden waren ausser zum Einkaufen nur selten einen Besuch wert. Die Ausnahmen aber haben uns sehr gut gefallen. Von einigen davon gelang es uns sogar die Namen zu merken. Malmö und Stockholm – das war jetzt leicht – gefielen uns bemerkenswert gut. Beide Städte durften wir bei tollem Wetter erleben. In Malmö fiel uns die lebenswerte und moderne aber auch alte Stadtarchitektur auf. Grosse Parks, schöne Altstadt, lebendiges Treiben, volle Coffee-Shops, Restaurants und Bars, originelle Wohnviertel – eine tolle Stadt zum Wohlfühlen – und das alles am Meer. Stockholm haben wir am Wochenende und nach den Schulabschlussprüfungen der Schüler erlebt. Party ohne Ende – auf den Strassen, in den Cafés und auf den Booten. Obwohl derartige Beschallung nicht zu unserer Lieblingserfahrung gehört, war es nach so viel Lebensfreude-Abstinenz durch die C-Massnahmen einfach toll, diese Atmosphäre der Freiheit, des Spasses und des ungeregelten Feierns mitzuerleben.

Süsse Orte – riesige Seen

Die wenigen kleineren Ortschaften, die es zu besuchen lohnte, sind an einer Hand abzuzählen und meistens sehr touristisch wie Fjällbacka oder Spiken. Leider können wir andere hier nicht nennen, weil wir ihre Namen weder aussprechen noch schreiben können. Diese Orte sind und liegen wunderschön und waren allemal einen Besuch wert, obwohl wir sind ja nicht hauptsächlich wegen der Städte gekommen sind, sondern wegen der Landschaft, dem Wildlife und der vielen hübschen roten Häusern. Die Landschaft und die roten Häuschen haben uns jeden Tag erfreut. Die unzähligen Seen, wovon der grösste (Vänern) locker 10 x die Grösse des Bodensees hat und in dessen Oberfläche sich die extrem langsam untergehende Nordsonne spiegelte, erzeugten eine Faszination, die selbst von den berühmten Mücken nicht geschmälert wurde. Das andere Wildlife hat sich leider immer schnell in den Wäldern verkrochen, wenn wir uns näherten. Aber es war ein tolles Gefühl durch Gegenden zu fahren, radeln, gehen oder joggen, wo es massenhaft Bären, Elche, Wölfe und Vielfrasse gibt. Wir haben das Land so sehr ins Herz geschlossen, dass wir es auf unserer Bucketlist behalten.

4 thoughts on “Schweden at its best

  1. Sehr schöner Bericht und Fernwehfördernde Bilder!
    Schade, dass euch euer Weg nicht mehr nach Bayern geführt hat!!!
    Grüße und passt auf euch auf!!
    Cordi und Dieter

  2. Da bekomme ich sofort wieder Heimweh nach Schweden 😊. So schön geschrieben und tolle Bilder. Ganz lieben Dank fürs teilhaben lassen 👍😊 Wir freuen uns schon aufs Frühjahr, wenn ihr wieder in Süddeutschland vorbeikommt. Liebe Grüße von Stefan und Kathrin

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