Gen Süden bevor es noch mehr in Süden geht

Die Entscheidung nach Italien zu fahren fiel kurz nachdem wir in Schweden anfingen mehrheitlich lange Hosen tragen zu müssen und wir mit dem Blick auf unsere Abflugdaten nach Afrika Ende Oktober haarscharf einschätzen konnten, dass es da noch ein grösseres Zeitfenster zu schliessen galt. 

Als mehrfach Ungeimpfte, nur mit Vitamin D Geboosterte, 100% omikronfrei und noch im Vollbesitz aller geistigen Kräfte durften wir nach Erbringung des Beweises einer fragwürdigen Virusfreiheit durch einen kostenfreien Schnelltest nach Italien einreisen. Dass dieser Beweis wieder niemand sehen wollte, liess uns die Bemühungen, die wir dafür auf uns nahmen, etwas bereuen. Wir rächten uns, indem wir derartige Beweise auf dieser Reise gar nicht mehr erbrachten, so dass wir uns immer wieder darüber freuen konnten, dass sie auch keiner sehen wollte.

Toll: Camping auf Agritourismi

Wir durften trotzdem auf schönen Agritourismi an Weinproben und 6-Gänge-Menüs teilnehmen. Diese fanden wir gleich nachdem wir den Weg entlang des Lago Maggiores hinter uns gebracht haben und dann südlich Richtung Piemont abgebogen sind. Wer unsere Reisegeschwindigkeit kennt, ahnt, dass wir von Baar aus mehrere Tage gebraucht haben. Spaziergänge durch schöne Altstädte, Fahrradtouren durch Weinberge und faules Abhängen irgendwo im Freien haben uns auf dem Weg etwas abgehalten. Aber dann gab’s piemontesischen Wein und feine italienische Küche. Oft gab’s auch nette Tischnachbarn mit einem gesunden geminderten Distanzbedürfnis, etwa aus Hamburg, Süddeutschland oder Holland. Oft trauten diese sich sogar unser Fahrzeug mal von innen anzuschauen. 

Ein bisschen Meer muss sein

Vom Piemont aus ging es nach Ligurien. Wir wollten gerne das Meer sehen. Die Fahrt durch das bergige ligurische Hinterland war wunderschön und imposant, erforderte aber sehr viel Konzentration, damit unser 7-Tonner auch genau auf der Seite der Strasse blieb, die ihm von den entgegenkommenden LKWs zugestanden wurde. Spass haben auf diesen Strassen nur Cinquecentos und Vespas. Unser einziger Versuch, auf dieser Reise einen Campingplatz zu besuchen, scheiterte an dem ihn flankierenden Gebirgsfluss. Für diesen war Hochwasseralarm ausgerufen und wir wurden auf einen Parkplatz mitten im Ort umgeleitet. Das alles auf persönliche Anweisung des Bürgermeisters. Wir fühlten uns gut behandelt und gehen ja ohnehin nicht gerne auf Campingplätze. Die Flut blieb aus, aber besser “safe than sorry”.  Am Meer angekommen, wohnten wir einige Tage auf einem Agritourismo zwischen Pferden, Eseln, Hunden und Katzen, ach ja und dann gab es dort noch andere Camper. 

Camper und Camper

Und da wir in einer Zeit leben, in der viele viel Spass an Separierendem haben, hier ein Beispiel aus der realen Camper-Welt: Da gibt es die klassischen Wohnmobilisten, die klassischen Zeltreisenden, die Kastenwagencamper und die Exoten. Während die klassischen Wohnmobilisten sich gerne mehr und mehr von ihren angestammten Campingplätzen mit mehr oder weniger Autarkieausstattung (Solarversorgung, Komposttoilette) auf Stellplätzen, Parkplätzen oder an Ortsrändern begeben, treffen wir die klassischen Zeltreisenden nur selten, da sie meistens auf Versorgungen wie Duschen und Toiletten angewiesen sind. Die aufstrebende Gruppe der Kastenwagen-/Vancamper teilt sich grob in drei Gruppen: Kleine Hi-End-Camping-Busse, grössere Vans mit Vollausstattung (Küche, Toilette und Dusche) und selbstausgebaute Lieferwagen ohne viel Schnickschnack. Unter Exoten meine ich alles andere: von 4×4-Camper bis hin zum Expeditionsmobil in LKW-Grösse. Das Separierende kommt dann zum Tragen, wenn das Verständnis für die Begleitumstände des Campingstils des Nachbarn fehlt. Die kritischsten Begleitumstände sind dabei die Hinterlassenschaften der Camper im nahen Umfeld der Fahrzeuge. Mit dieser Vorlage lässt sich leicht kombinieren, welcher Camper welches Fahrzeug nicht gerne als Nachbarn hat. 

Ein Ausflug mit erhöhtem Puls

Zurück nach Ligurien: Vom Agritourismo aus machten wir Ausflüge mit dem Fahrrad in die nahegelegenen Orte und besuchten die Strände. Dass wir die Küstenstrasse auch auf dem Fahrrad in atemberaubenden Raketentempo mit herzinfarktverdächtigem Pulsschlag entlangrasen konnten, stellten wir unter Beweis nachdem wir plötzlich feststellten, dass mein Rucksack nicht mehr bei uns war. Leider befanden sich nicht unbeträchtlich wertvolle Dinge in ihm. Nach erstem Anflug einer Panik und konzentriertem Nachdenken gab es nur eine Möglichkeit, wo ich ihn abgestellt haben könnte. Am Strand in ca. 10 km Entfernung. Also ab in die Pedale und schwitzen. Die Anspannung stieg mit jedem Meter, den wir uns dem Strand näherten. Der Höhepunkt war erreicht kurz bevor wir in Sichtweite des Strandabschnitts kamen, wo er dann liegen sollte. Und ja, da lag er. Mutterseelenallein, wohlbehalten, prall gefüllt und trocken. War das ein geiles Gefühl. 

Rund um Jachten, Casinos und Hubschrauberlandeplätze

Wir tuckelten dann noch die Küste bis fast zur französischen Grenze entlang. In San Remo übernachteten wir in einer Reihe mit fast hundert anderen Wohnmobilen am Rande der Stadt. In Imperia direkt am Strand in bester Lage und erst noch mit viel weniger Campern. Diese Lage durften wir aber nur zwei Tage geniessen. Dann legte die Polizei plötzlich grossen Wert darauf, dass hier niemand mehr steht. Möglicherweise stellten wir für den hinter uns liegenden Hubschrauberlandeplatz ein Sicherheitsrisiko dar. Ich habe mir immer schon gedacht, dass die Besitzer derartiger Riesenjachten, die im nahen Hafen lagen und deren Besitzer wohl mit dem Hubschrauber anreisten, gute Gründe haben könnten, nicht gesehen werden zu wollen. Da half die Polizei und wir zogen weiter. 

Ciao Italia – Tschau Schwiiz

Mit jedem Meter, den wir danach nördlich fuhren, sanken die Temperaturen und wir waren froh, dass es nicht mehr sehr lange ging, bis wir unsere Reisen auf der südlichen Halbkugel fortsetzen durften. Es gab noch einige tolle Stopps. Ein Agritourismo mit fantastischem Essen und Wein, ein einsamer wildromantischer Platz am Po und zum Abschluss ein kühler Platz an der Bergbahn im Tessin bei Bellinzona. Mit einer Radtour und Besuch des bekannten Käsemarktes liessen wir diese Reise ausklingen. Die letzten Tage wurden durch schöne Treffen mit Familie und Freunden bereichert, obwohl wir uns auferlegten, möglichst wenige Begegnungen vor unserem obligatorischen PCR-Test für Namibia zu haben, damit die Chance, dass ein fremdes Viech über unsere Schleimhäute rutscht, möglichst gering blieb. So kam es dann auch: nichts blieb hängen, die Tests waren negativ. Vor dem Abflug verbrachten wir noch einen schönen Abend mit Stefan und Katrin. Die beiden haben wir in Schweden kennengelernt und da sie in der Nähe unseres Camper-Ausbauers wohnen, sind wir gerne ihrer Einladung gefolgt. Stefan hat uns einen tollen Platz überhalb der Weinberge gezeigt, auf dem wir übernachten konnten. Die Strecke war recht holprig und liess die Vorfreude auf die während unserer Abwesenheit zu montierenden besseren Stossdämpfer steigen. Nachdem wir unser Fahrzeug dort oben auf dem Berg platziert haben, wurden wir dieselbe Strecke im Porsche 911 zurück gebracht. Der Porsche tat so, als würde er die Unebenheiten auf der Strecke nicht einmal bemerken. Kurz kam mal etwas Neid wegen dieses Superfahrzeugs auf, aber dann fiel mir ein, was wir in den nächsten Monaten so vorhaben.

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